Pflegefachfrau HF, Spitex-Mitarbeiterin, angehende Stationsleiterin und Bäuerin in spe: Chiara Degonda aus Savognin geht ihren Weg. Was sie bei all ihren Aufgaben verbindet, ist ihre Leidenschaft für ältere Menschen und deren Lebensgeschichten.
Text von Monika Schnoz
Ein Beruf – zwei Arbeitgeber
Chiara ist 30 Jahre alt, diplomierte Pflegefachfrau HF und arbeitet seit einem Jahr bei der Spitex Albula/Churwalden. Daneben springt sie regelmässig im Betagtenheim in Savognin ein. Ab August wird sie ganz ins Heim wechseln und dort eine neue Aufgabe als Stationsleiterin übernehmen. Dass sie zurzeit an zwei Orten tätig ist, hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Zunächst arbeitete sie mit einem Pensum von 80 Prozent bei der Spitex. Später reduzierte sie auf 60 Prozent, um zusätzlich Einsätze im Heim übernehmen zu können. «Ich schätze die Flexibilität. An jedem Ort kann man etwas lernen und mitnehmen.»
Duzen wäre respektlos
Eigentlich begann alles schon in ihrer Kindheit. Chiara wuchs im selben Haus wie ihre Grosseltern auf. Die Familie verbrachte viel Zeit miteinander, die Enkelkinder übernachteten regelmässig bei der Grossmutter und Chiara entwickelte im Speziellen zu ihrer Grossmutter eine enge Beziehung. «Die alten Menschen haben mich schon immer fasziniert», erzählt sie. «Sie haben so viel erlebt und so viel zu erzählen.»
Der Pflegeberuf liegt in der Familie. Auch ihre Mutter und mehrere Tanten arbeiten in der Pflege. Ob es an den Genen liege, wisse sie nicht, schmunzelt Chiara beim Interview. Sicher ist für sie aber: Schon früh wusste sie, dass sie mit älteren Menschen arbeiten wollte. «Ältere Menschen schätzen jede Hilfe und jedes Gespräch.»
Besonders beeindruckt ist sie von der Generation ihrer Grosseltern. Menschen, die Krieg, Verzicht und harte körperliche Arbeit erlebt haben und dabei bescheiden und dankbar blieben. «Wenn sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, merkt man erst, wie gut wir es heute haben.» Diese Bewunderung prägt ihre Haltung bis heute. Selbst wenn Bewohnerinnen und Bewohner ihr das Du anbieten, bleibt sie beim Sie. «Diese Menschen haben ein ganzes Leben hinter sich. Sie verdienen meinen Respekt. Da kann ich sie nicht einfach duzen.»
Ein Wunsch, der blieb
Trotz ihrer frühen Begeisterung führte Chiaras Weg nicht direkt in die Pflege. Zunächst absolvierte sie eine Lehre im Detailhandel. Doch der Wunsch, mit Menschen zu arbeiten, blieb. Später entschied sie sich für die Lehre zur Fachfrau Gesundheit und anschliessend für das Vollzeitstudium zur Pflegefachfrau HF am Bildungszentrum Gesundheit und Soziales Graubünden in Chur. Die Ausbildung war anspruchsvoll. Freizeit blieb kaum. Umso stolzer ist sie heute auf das Erreichte. «Es war streng, aber ich habe es geschafft.»
Während ihrer Ausbildung sammelte sie Erfahrungen in verschiedenen Bereichen. Ein Praktikum im Spital bestätigte ihr jedoch, was sie schon lange ahnte: Ihr Herz schlägt für die Langzeitpflege. «Im Spital lernt man fachlich unglaublich viel. Aber oft steht die Krankheit im Mittelpunkt. Mir ist der Mensch dahinter und der Fokus auf Gesundheit und Lebensqualität wichtiger.» Im Altersheim erlebt sie genau das. Hier entstehen Beziehungen, Vertrauen und Begegnungen, die weit über pflegerische Aufgaben hinausgehen.
Dank der Spitex wieder auf Kurs
Nach dem HF-Abschluss arbeitete Chiara zunächst in verschiedenen Institutionen. Doch nicht jede berufliche Erfahrung war positiv. Irgendwann kam der Punkt, an dem sie sich fragte, ob die Pflege überhaupt noch der richtige Beruf für sie sei. Sie suchte Unterstützung bei einer Berufsberatung und prüfte Alternativen. Doch je länger sie suchte, desto klarer wurde ihr: Es gab nichts, das sie mehr erfüllte als die Arbeit in der Pflege mit älteren Menschen. «Ich habe gemerkt, dass ich nichts anderes machen möchte.» In dieser Phase bewarb sie sich spontan als Aushilfe bei der Spitex Albula/Churwalden. Eine Entscheidung, die ihr neuen Schwung gab. Heute sagt sie: «Die Spitex hat mich aus einem Tief herausgeholt.»
Selbstständig unterwegs
Die Arbeit bei der Spitex eröffnete ihr eine neue Seite der Pflege. Plötzlich war sie viel selbstständiger unterwegs, als sie es bisher kannte. «Man muss selbst planen, Prioritäten setzen und Entscheidungen treffen», erklärt die 30-Jährige die bisher anders gekannten Anforderungen. Zeitmanagement, Organisation und eigenverantwortliches Arbeiten lernte sie hier wie nirgendwo sonst. Auch fachlich konnte sie wertvolle Erfahrungen sammeln, etwa in der Wundversorgung oder bei der Pflegeplanung. Trotzdem fehlte Chiara ein Aspekt: «Im Altersheim ist immer jemand da. Man arbeitet anders im Team zusammen als bei der Spitex. Dort ist man oft allein unterwegs und verbringt viel Zeit im Auto». Die Arbeit bei der Spitex schätzt sie trotzdem sehr. Gerade die Selbstständigkeit habe sie persönlich und beruflich wachsen lassen.
Wenn das Herz wieder aufblüht
Während einer Weiterbildung in Praktischer Gerontologie absolvierte Chiara ein Praktikum in einem Altersheim. Dort wurde ihr erneut bewusst, wie sehr ihr die Arbeit in der Langzeitpflege am Herzen liegt. «Mein Herz ist wieder aufgeblüht», erzählt sie mit einem Lächeln. Besonders berührten sie die Begegnungen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele freuten sich, dass sie Romanisch spricht. Oft seien es kleine Gesten, die einen grossen Unterschied machen. «Wenn man dieses Strahlen im Gesicht sieht, weiss man, weshalb man diesen Beruf macht.» Nach und nach begann sie, zusätzlich zu ihrer Tätigkeit bei der Spitex regelmässig im Altersheim auszuhelfen. Die Kombination gefiel ihr. Sie konnte verschiedene Arbeitswelten kennenlernen und gleichzeitig ihre Leidenschaft für die Arbeit mit älteren Menschen weiterleben.
Zeit für Gespräche
Was Chiara an ihrem Beruf besonders schätzt, sind die Begegnungen mit den Menschen: Ein Dankeschön. Eine Umarmung. Ein ehrliches Gespräch. «Manchmal sieht man sofort, wenn eine Person einfach jemanden zum Zuhören braucht» sagt Chiara und man merkt, welch gutes Gespür sie für andere Menschen hat. Dann setze sie sich dazu und höre zu. Diese Momente seien oft genauso wichtig wie die eigentliche Pflege. Auf die Frage, ob sie dafür immer Zeit finde, hat sie eine deutliche Antwort: «Es liegt an dir, ob du dir die Zeit nimmt und ob du den Beruf mit Liebe machst oder nicht.» Die Menschen würden den Unterschied spüren. Davon ist sie überzeugt. Und sie ergänzt: «Ein Lächeln oder ein herzliches Danke geben dir unglaublich viel zurück.»
Lernen hört nie auf
Stillstand ist für Chiara keine Option. Neben verschiedenen Weiterbildungen absolvierte sie unter anderem einen Palliativkurs. Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug zu begleiten, beschreibt sie als eine der intensivsten Erfahrungen ihres Berufs. «Es ist traurig und gleichzeitig unglaublich wertvoll.» Auch künftig möchte sie sich weiterentwickeln. Führung, Organisation und die Gestaltung von Abläufen interessieren sie zunehmend. Ab August übernimmt sie deshalb die Aufgabe als Stationsleiterin im Betagtenheim Center da Sanadad Savognin. «Ich freue mich auf die neue Herausforderung. Ich bringe gerne Ideen ein und übernehme Verantwortung.»
Was die Pflege braucht
Für die Zukunft der Pflege wünscht sich Chiara vor allem gute Rahmenbedingungen. Sie ist überzeugt, dass viele Pflegefachpersonen langfristig gesund bleiben können, wenn genügend Raum für Erholung bleibt. «Für mich persönlich wären 100 Prozent auf Dauer zu viel. Mit 80 Prozent habe ich eine gute Balance.» Ausgleich findet sie ausserhalb der Pflege. Gemeinsam mit ihrem Partner, der vor der Übernahme des elterlichen Hofs in Salouf steht, verbringt sie viel Zeit im Stall. Die Arbeit mit den Tieren hilft ihr, nach intensiven Arbeitstagen abzuschalten. «Das ist wie eine Gratis-Therapie», sagt sie fröhlich. «Bei den Tieren muss man im Moment sein.» Ebenso wichtig sei es, Grenzen setzen zu können und auch einmal Nein zu sagen. Trotz Herausforderungen sieht sie ihren Beruf positiv. Die Wertschätzung der Menschen sei sehr viel grösser, als viele denken. «Viele sagen mir: Wow, das könnte ich nie.»
Geschichten, die bleiben
Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sich Chiara auch in ihrer Freizeit für ältere Menschen in ihrer Gemeinde und bei Angeboten für Seniorinnen und Senioren. Denn für sie steht fest: Das Alter ist eine Lebensphase voller Erfahrungen, Erinnerungen und Geschichten. Erst im Alter kann man sagen: «Ich habe gelebt.» Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb sie ihren Beruf so liebt. Hinter jeder Bewohnerin und jedem Bewohner sieht sie nicht nur einen Pflegebedarf, sondern ein ganzes Leben.